Tatjana Eisner, Deutschland, Wetzlar

Das Würmchen und der Cent

© Aus Russischen von Helene Abrams, Warendorf

© Illustration von Daniel Breininger, Aachen 

Unter einer Pusteblume, in einem kleinen Erdloch, lebte einmal ein Wurm namens Würmchen. Er lebte dort und fürchtete sich andauernd. Wie könnte es denn anders sein, wenn man so winzig ist, man weder Hände noch Beine hat und nicht einmal weiß, an welchem Ende der Kopf sitzt. Auch der kleinste Vogel könnte ihn im Nu verschlingen. Das Würmchen hatte Angst und versteckte sich deswegen die ganze Zeit in seiner Höhle.

In einem Laden aber, im Kassenfach lebte ein Cent. Der Cent hatte viele Freunde – Münzen wie er. Sie lebten alle in Frieden und klangen ab und zu fröhlich beim Austausch von Neuigkeiten. Manchmal nahm die Verkäuferin einige davon heraus, dann kam wieder neues Kleingeld dazu:
„Woher kommt ihr?“, fragten die Münzen, die in der Kasse lagen.
„Aus dem Geldbeutel“, sagte die eine neue.
„Ich – aus dem Portmonee“, sagte die andere.
„Und ich – aus dem Sparschwein“, sprach die dritte.
Die vierte, blank und stolz, prahlte: „Ich komme von der Münzprägstätte! Mich hat man vor kurzem geprägt, seht doch, wie ich glänze!“

Doch niemand beachtete die Angeberin – alle Münzen kamen ursprünglich von der Münzstätte, eine früher, die andre später. Alle waren einmal neu und blitzblank gewesen.
Eines Tages holte die Verkäuferin aus der Kasse unseren Cent als Rückgeld heraus und gab ihn einer Großmutter, die für ihre Enkelin Bonbons kaufte. Die alte Frau hielt den Cent in der Hand und machte sich auf den Weg nach Hause, die Enkelin hüpfte auf einem Bein ihr hinterher. Als sie so an einer Bank vorbeikamen, setzte sich die alte Großmutter, weil sie müde war, stellte ihre Tasche nebenan ab und legte die Hände in den Schoss. Da bemerkte sie den Cent, den sie immer noch fest in der Hand hielt. Die alte Frau wollte die Münze in den Geldbeutel legen, und bei der Suche in der Tasche nach dem Geldbeutel fiel ihr das Geldstück aus der Hand und rollte über den Weg ins Gras.

„Mein Liebes, suche nach dem Cent“, sagte die Alte zu der Enkelin. Das Mädchen schaute im Gras nach, fand aber den Cent nicht, sondern sah das Würmchen, das gerade aus dem Erdloch blickte, um zu erfahren, ob es regnete.
„Großmutter!“, schrie das Mädchen, „Hier ist ein Wurm! Er ist so schrecklich, ich habe Angst!“
Das Mädchen fing an zu weinen. Die Großmutter streichelte es über die Haare, gab ihm ein Bonbon und stand auf.
„Ach, der Cent ist auch nicht so wichtig, der kann uns gestohlen bleiben. Gehen wir lieber nach Hause.
So gingen sie.
Das Würmchen hatte sich vor dem lauten Schrei erschrocken und sofort wieder im Loch versteckt. Jetzt wollte es aber wissen, von welchem Cent die Rede war. Es steckte den Kopf heraus und sah in der Nähe ein kleines Metallplättchen liegen.
„Hallo!“ rief es. „Bist du derjenige, den man verloren hat?“
„Ja, das bin ich“, sagte der Cent. „Ich bin so klein, dass man mich leicht verlieren kann. Und wer bist du? Der besagte schreckliche Wurm?“

„Ich weiß nicht, wie ich bin“ sagte das Würmchen. „Ich habe selbst vor allem Angst, ich bin ja sooo hilflos“.
Dabei merkte es selbst nicht, wie es sein Loch verlassen hatte und mit dem ganzen Körper draußen war. Plötzlich zwitscherte jemand sehr laut ganz in der Nähe.
„Ein Spatz!“ sprach das Würmchen ängstlich. „Er pickt mich gleich auf!“
„Fürchte dich nicht, versteck dich hinter meinen Rücken“, rief der Cent.
Der Wurm schlüpfte hinter den Cent, der Spatz sah ihn nicht und flog weg. Die neuen Bekannten setzen ihr Gespräch fort:
„Ich hätte so gerne die Welt gesehen!“ sagte Würmchen. „Ich stellte sie mir sehr groß und sehr schön vor. Nur die Angst hält mich immer in der Nähe der Hölle - überall fliegen Spatzen herum. Eins kroch ich nachts spazieren, es war aber sehr dunkel und ich hätte mich beinahe verirrt...“
„Ich würde auch gerne reisen, um die fernen Länder jenseits des Bürgersteiges zu sehen. Nur in Bewegung kommen kann ich allein nicht, mir muss jemand helfen.“
„Ich kann dich anschubsen...“ fing das Würmchen an.

„...Und ich kann dich vor den Spatzen verteidigen!“ rief der Cent.
Das Würmchen stellte die Münze auf die Kante und schubste sie an, die Münze kam in Bewegung und rollte ab, das Würmchen kroch hinterher. So begann ihre Wanderung.
Die Freunde spazierten lange dem Gehweg in einer Richtung entlang, dann nahmen sie die andere Seite, wo eine große Wiese lag. Sie sahen dort richtige Wunder – eine Vielfalt von Blumen – Kamillen, Gänseblümchen, Glöckchen und viele erstaunlich interessante Lebewesen - Libellen, Käfer, Schmetterlinge. Einen ganzen Tag lang spazierten sie auf der Wiese und entdeckten immer wieder neues.

Das Nachtlager bauten sich das Würmchen und der Cent unter einem festen Blatt eines Wegerichs. Es wurde dunkel und auf dem Sternenhimmel erschien der riesige Mond.
„Er sieht wie eine Euromünze aus, das ist die größte Münze, die ich je in unserer Kasse gesehen habe“, seufzte der Cent. „Wie gerne wäre ich auch so groß und schön! Dann würden mich alle umher hoch schätzen.“
„Du bist jetzt schon unbezahlbar“, sprach das Würmchen. „Du hast mir diese wunderbare Welt gezeigt“.
„Ohne dich hätte ich nichts machen können, du hast mir dazu die Kraft gegeben“, antwortete der Cent. „Wenn wir zusammen halten, ist es nicht schlimm, klein zu sein.“
Und das war die reine Wahrheit.
Das Würmchen lehnte sich an den Cent, und so sahen beide zu, wie auf dem dunklen Himmel der Mond schwebte, wie eine blanke Euromünze.

2008.

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